DAGG Kongressbericht

2.-4. November 2006, Bonn
Deutscher Arbeitskreis für Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik


»SPIELRÄUME DER ZUKUNFT«
Das kreative Potenzial von Gruppen in Sozialisation und Bildung

Das vollständige Programm zur Ansicht / zum Download
(pdf; 186 kb).

Der diesjährige Kongress des DAGG „Spielräume der Zukunft - Das kreative
Potenzial von Gruppen in Sozialisation und Bildung“ hat vom 2.-4.11.2006 in
Bonn im Universitätsclub stattgefunden.
Der Vorkongress hatte zwei thematische Stränge: der eine bestand aus zwei Selbsterfahrungsgruppen, die auch an den beiden Kongresstagen vor Beginn der thematischen Angebote ihre Fortsetzung fanden; im anderen übertrug Dr. Karl Heinz Brisch die Elemente der Bindungstheorie auf Gruppenbindungen und den Einfluss der frühen Bindungserfahrungen auf das Gruppenerleben, auf Gruppenkompetenzen und –verläufe. Seine Überlegungen trafen bei den TeilnehmerInnen, Gruppentherapeuten sowie Tätigen aus anderen Berufsfeldern, auf großes Interesse und eröffneten neue Perspektiven. Gruppendynamik und -erleben konnten unter diesen Gesichtspunkten neu verstanden werden.

Am Donnerstagabend wurde der Kongress durch einen bewegenden und inspirierenden Vortrag von Royston Maldoom über seine Tanzprojekte mit Kindern und Jugendlichen eingeleitet. Die Videoszenen aus Aufführungen mit jugendlichen Gewalttätern in Großbritannien oder Schülern von Berliner Schulen in sog. Problemstadtteilen wurden mit großer Aufmerksamkeit verfolgt ebenso wie das anschließende Interview über Maldooms Auffassungen und Erfahrungen mit spezifischen Großgruppenthematiken. Die beiden folgenden Kongresstage waren den thematischen Schwerpunkten

Demokratie Lernen,
Schule im Spiegel der Gesellschaft,
Schulen im Umbruch,
Jugendarbeit verbindet,
Die Bedeutung der Gruppe in der vorschulischen Erziehung und in der Ganztagsschule,
Jugend im Mannschaftssport,
Gewaltprävention

und ähnlichen Themen gewidmet. Resonanz fanden vor allem die Themenangebote zur Schule. Das Kongressziel, den Dialog zwischen Personen, die im Bereich Bildung und Erziehung tätig sind, und den Gruppenfachleuten des DAGG anzuregen, ist u.E. sehr gut gelungen. Das zahlenmäßige Verhältnis von DAGG-TeilnehmerInnen und InteressentInnen von außerhalb betrug 2:1.

     

Mit insgesamt über 190 BesucherInnen und mehr als 30 ReferentInnen fand der Kongress eine gute Resonanz.
Dass der Themenblock des Jugendsports eine geringere Resonanz fand, tat der Ergiebigkeit desWorkshops für die Teilnehmenden keinen Abbruch. Die Vertreter des Sports, die Jugendtrainer Rüdiger Hanel und Philipp Laux und der Lehrkoordinator des Deutschen Hockeybundes, Heino Knuf gaben den Anwesenden einen spannenden Einblick in die Arbeits- und Lernwirklichkeit im Jugendsport und in der Trainerausbildung. Sie bekamen dafür, wie sie selbst sagten, Fragen, Überlegungen und Eindrücke zurück, die für sie neu und äußerst anregend waren und ihr Interesse an der Sicht und Deutungsweise der Gruppenfachleute geweckt haben - ein für beide
Seiten wertvoller Austausch, der Lust auf beiden Seiten Lust auf ein Fortsetzen des Kontakts gemacht hat. Der Vorstand wird sie für seine weitere Arbeit nutzen.

Selbst der Themenblock Jugendverbandsarbeit, der mangels Interessenten ausfallen musste, hat bei den in der Vorbereitung beteiligten eine anregende Wirkung und Motivation für weitere Zusammenarbeit geweckt: Die Erstellung der Präsentationen in den Jugendverbänden – der Videos von Gruppenstunden und Thesen der JugendleiterInnen zu ihrer Arbeit und Ausbildung sowie das Vorgespräch mit dem Moderator, Prof. Hermann Steinkamp, hat Reflexionsprozesse über die eigene Art, mit Gruppen
zu arbeiten, in Gang gesetzt und das Interesse, darüber mit Gruppenfachleuten
ins Gespräch zu kommen angeregt. Vermutlich weil er mehr Schulnähe und
Methodenorientierung versprach, fand der Workshop zum State of Art der Politischen Bildung mit Prof. Tillman Grammes und seinem Mitarbeiter Christian Welniak reges Interesse. Sie gaben einen fundierten Einblick in die aktuellen methodische Ansätze. Im anschließenden Gespräch mit den Teilnehmenden waren sie sehr daran interessiert, gruppalen Schwachstellen zu identifizieren und zu diskutieren. Auf diese Weise weckten sie das Interesse der Gruppenleute an der Politischen Bildung. Ihr Interesse an einer Kooperation mit Gruppenfachleuten war unverkennbar.

Unter dem Tagesmotto „Schulen im Umbruch“ zeigte der Bildungsjournalist Stephan Lüke Filme von Reinhard Kahl über Schulen in Finnland und Schweden und ergänzte diese durch eigene Erfahrungen und Daten aus der Bildungsforschung. Die mit diesem Thema verbundenen psycho- und soziodynamischen Kräfte entfalteten sich unmittelbar im Workshop. In den Diskussionen und Gesprächsrunden konnte die betroffene Reaktion der anwesenden Lehrerinnen und Lehrer mit der oft schier unerträglichen Spannung zwischen von hohen Idealen und Selbst-Ansprüchen einerseits und den realen Arbeits- und Ausbildungsbedingungen andererseits und deren Steigerung durch den derzeitigen öffentlichen Druck in Verbindung gebracht werden. Es wurde nur allzu deutlich, dass eine differenzierte, feinfühlige aber auch langfristig angelegte Unterstützung der Lehrenden durch Förderung ihrer Gruppenkompetenz, Schaffen von Reflexionsräumen und Schulentwicklungsmaßnahmen dringend nötig ist. Fordern und Fördern müsste zuerst den Lehrenden und dann durch diese vermittelt den Lernenden
gelten.

Ebenso ertragreich war das erstmalige Angebot, die Sektionen mit ihren spezifischen Workshops zum Kongressthema zu präsentieren. Die Besucher „von außen“ wie auch die DAGG-TeilnehmerInnen reagierten jedenfalls auf die thematisch-methodische Vielfalt beim Feedback in der Großgruppe mit entsprechenden differenzierten Stellungnahmen. Diese programmatische Vielfalt und ganzheitliche Anregung hat auch auf den informellen Raum ausgestrahlt. Es entstanden in den Pausen überraschend viele Gelegenheiten, ganz ungezwungen mit Unbekannten ins Gespräch zu kommen.

Die am ersten Abend geschaffene kreative Stimmung zog sich dank der guten Organisation, der ansprechenden Tagungsstätte und einer fulminanten Band auf dem Kongressfest bis zuletzt durch. Fazit: Das Ziel einer Öffnung des DAGG zu Arbeitsfeldern, in denen das Gruppensetting zum Alltag gehört, ist gelungen. In Zukunft wird es bei den Kongressplanungen darauf ankommen, die Zielgruppe in ihren Interessen und Themen möglichst präzise zu erfassen um passgenaue „Gruppenantworten“ entwickeln zu können.

Hella Gephart, Bonn
Monika Stützle-Hebel, Freising

 

Referentenliste