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Ich berichte im Folgenden aus der angelsächsischen empirischen
Kleingruppenforschung, die sich in den letzten Jahren verstärkt
der Gruppe im Kontext von Organisationen zugewandt hat.
Mit der gruppenbezogenen Forschung ist hierzulande Seltsames passiert.
Als ich vor 39 Jahren durch Lothar Nellessen der Gruppendynamik
begegnete und ein Jahr später bei Alf Däumling anklopfte
mit dem Wunsch, bei ihm zu promovieren, bestand ein enger Zusammenhang
zwischen Gruppenveranstaltungen und Forschung.
Ich erinnere mich, an etlichen Laboratorien teilgenommen zu haben,
in denen wir Übungen machten, die berühmte sozialpsychologische
Experimente wiederholen oder nachstellen sollten.
In einschlägigen Zeitschriften wurde nicht nur eine heftige
Diskussion um die politische Reichweite der Gruppe und der Gruppenverfahren
geführt, sondern es wurde auch geforscht. An der Universität
Bonn, in Stuttgart, in Ulm. Die DFG stellte Gelder bereit, und in
den 70iger Jahren wurde in Kassel der erste Lehrstuhl errichtet,
der programmatisch die Gruppe (und die Gruppendynamik) zum Thema
hatte.
Heute, da der DAGG sein 40-jähriges Bestehen feiert, hat sich
die Situation verändert.
Mit der Erforschung von Gruppen kann man hierzulande im Wissenschaftsbetrieb
zurzeit keinen Blumentopf gewinnen, geschweige denn Sichtbarkeit
und Prominenz. Die letzte mir bekannte Zusammenschau von wissenschaftlichen
Arbeiten zu diesem Thema ist 1998 in dem Buch von Elisabeth Ardelt-Gattinger
u.a. erschienen.
Im angelsächsischen Sprachraum ist es anders. Dort blüht
die Gruppenforschung - und zwar vor allem die, die sich mit "work
groups" und "teams" befasst, also mit Gruppen, die
als Bestandteil von Organisationen Ziele gesteckt bekommen und sie
erreichen müssen. Die "eigentliche" Gruppenforschung,
die sich dem Inneren der Gruppe zuwendet, die den Kontext ignoriert
und darauf setzt, dass die meist studentischen Versuchspersonen
allgemein gültige Ergebnisse generieren - gibt es auch noch,
aber ihre Bedeutung ist gering.
Die Fachzeitschrift "Annual Review of Psychology" veröffentlicht
in jedem Jahr eine Reihe von Überblicksartikeln, in denen zu
ausgewählten Themen der aktuelle Stand der Forschung referiert
wird. An den Themen eines Jahrgangs lassen sich die Interessen der
Forschergemeinde ganz gut ablesen.
Untersuchungen über Gruppen in der Arbeitswelt tauchen meist
nicht unter der Überschrift "small groups research"
auf - das mag den Eindruck verstärkt haben, es würde über
Gruppen nicht mehr geforscht. In den vergangenen fünf Jahren
erschien jährlich ein großer Übersichtsartikel zu
einem gruppenrelevanten Thema: Da ging es um Work group diversity,
also um Unterschiedlichkeit in Arbeitsgruppen(2007), um Teams in
Organisationen (2005), um Gruppenleistung und Entscheidungsprozesse
(2004), um Intergruppenprobleme (2002) .
Doch auch in den USA hat die Kleingruppenforschung ihr Auf - und
Ab erlebt.
Die 40iger und 50iger Jahre des letzten Jahrhunderts waren Jahre
des Aufbruchs und der Begeisterung. Experimente wurden durchgeführt,
die vielleicht methodische angreifbar waren, die aber die Forscher
beflügelten und die Forschung viele Jahre lang anregten. Lewin,
Lippitt und White demonstrierten die Wirkung unterschiedlicher Führungsstile;
Salomon Asch brachte mit seinem Längenvergleich die Konformitätsforschung
ins Rollen. Bavelas zeigte die Wirkung verschiedener Kommunikationsmuster
in Gruppen auf; Muzafer Sherif führte vor, wie rasch in einer
Gruppe ein Wir-Gefühl entsteht und ein Außnfeind - und
wie rasch sich diese Gefühle auch wieder auflösen lassen.
Bales entwickelte mit der "Interaction process analysis"
ein Instrument zur Kodierung von Diskussionsbeiträgen und konnte
mit Hilfe dieses Instrumentes Interaktionsmuster in Gruppen identifizieren;
French und Raven identifizierten die Quellen der Macht und noch
einmal Lewin "entdeckte" 1946 während eines Seminars
für Lehrer die T-Gruppe und revolutionierte so die Art, wie
Erwachsene lernen.
Doch schon in den 60er Jahren vertrocknete die sozialpsychologische
Kleingruppenforschung, wurde steril und brachte wenig Neues hervor.
Während die ersten Untersuchungen an natürlichen Gruppen
erfolgten, verlagerte sich die Forschung bald ganz und gar ins Labor.
Dort ließen sich die Bedingungen leichter kontrollieren; unzählige
Examenskandidaten machten einfache Experimente oder Vorher-Nachher-Befragungen
zu den immer gleichen Themen. Sie experimentierten mit Gruppen,
deren Lebensdauer oft eine Stunde nicht überschritt. Ihre Teilnehmer
waren Studenten, die Versuchspersonen-Stunden abzuleisten hatten.
Es herrschte Mangel an Theorien mit Hilfe derer man interessante
Fragestellungen hätte generieren können, ebenso gab es
keine übergreifenden Theorien mit deren Hilfe sich die vielen
Einzelergebnisse in einen Wissensfundus hätten integrieren
lassen. Die Aussagekraft der meisten Untersuchungen war äußerst
gering. So klagt ein Forscher, allerdings vergeblich: " Wir
machen sehr kleine Untersuchungen von winzig kleinen Aspekten sehr
großer Probleme". Und während in den ersten Jahren
der Gruppenforschung wenig Energie darauf verwandt wurde, zu definieren,
was denn eigentlich eine Gruppe sei, führte die inflationäre
Entwicklung von Studien, die sich der Kleingruppenforschung zurechneten,
zu einer kritischen Diskussion über den Gruppenbegriff dieser
Forscher. So besteht der Verfasser eines Sammelreferats zur Gruppendynamik
darauf, nur Arbeiten zu berücksichtigen, die mehr als 2 Personen
untersuchen und in denen diese Personen wenigstens geringfügig
interagieren!
McGrath, einer der profiliertesten amerikanischen Gruppenforscher,
spricht von einem "system crash", von dem sich die Forschung
bis in die 80er Jahre hinein nicht erholte.
Und ein anderer fragt: "Was ist der Gruppe in der Kleingruppenforschung
zugestoßen?"
Auf diese Frage haben zwei Gruppenforscher, die 1990 ein Sammelreferat
veröffentlichen, eine klare Antwort. Sie schreiben: "Groups
are alive and well, but living elsewhere" "Gruppen sind
quicklebendig und bei guter Gesundheit, aber sie leben woanders"
- Tatsache ist, dass seit Jahren mehr und mehr Untersuchungen über
Gruppen nicht in psychologischen oder sozialpsychologischen Fachzeitschriften
publiziert werden, sondern in solchen, die sich mit Organisationen
und Management befassen. Die Arbeitsorganisationen sind in Bewegung
geraten, und neue Formen der Zusammenarbeit entstehen. Eingebettet
in Organisationen, gewinnen Gruppen und Teams eine neue Bedeutung.
Amerikanische Forscher haben seit jeher geringere Berührungsängste
mit Wirtschaftsunternehmen als Orten der Forschung und als Financiers
von Forschung. In den Fragestellungen und Inhalten der neueren Studien
spiegeln sich die Themen und Probleme, die die Unternehmen und Organisationen
in Bezug auf Teams beschäftigen und auf die sie gerne Antworten
hätten.
Leider gehören die Mitglieder des DAGG nicht zu denen, die
empirische Kleingruppenforschung rezipieren, sei sie nun deutschen
oder amerikanischen Ursprungs.
Woran liegt das?
Die Abstinenz hat verschiedene Gründe.
- vielen meinen, dass diese Art Forschung ihnen ohnehin nichts zu
bieten hätte.
- Und viele meinen, dass sie das, was sie für ihre Praxis brauchen,
schon wüssten.
- Die Forschungsperspektive, die den meisten empirischen Untersuchungen
zugrunde liegt, deckt sich nicht mit ihrem Verständnis von
Gruppen.
Auf diesen letzten Punkt gehe ich nun näher ein.
Der weitaus überwiegende Teil empirischer Arbeiten im Feld
der Kleingruppe erfolgt aus einer funktionalen Forschungsperspektive.
Die Gruppe wird als eine soziale Einheit gesehen, die von dem Augenblick
an existiert, in dem sie vom Forscher eingerichtet wurde. Von Interesse
ist hauptsächlich die Frage, welcher Input zu welchem Output
führt, also, unter welchen Bedingungen die Gruppenleistung
optimal wird. Und die Forschungsperspektive ist normativ; es geht
darum, herauszufinden, was eine Gruppe effektiver macht - was effektiv
ist, wird von außen bestimmt.
Das Ziel von Gruppentherapeuten ist das Heilen - also auch normativ,
aber es ist eine andere Norm. In dieser, oft "psychodynamische
Forschungsperspektive" genannten Tradition ist die Gruppe keine
"an sich" existierende Einheit, sondern sie wird erschaffen
durch ihre Mitglieder. Forscher in dieser Tradition sind nicht interessiert
an Input-output-Themen, sie schauen auf die Interaktion der Gruppenmitglieder
und interessieren sich vor allem für die nichtbewussten Prozesse,
die diese Interaktionen hervorbringen.
Diese Unterschiedlichkeit mag dazu beitragen, dass Therapeuten,
Berater, Trainerinnen und Supervisoren in der Regel keine Berührungspunkte
zwischen empirischer Gruppenforschung und ihrer Arbeit sehen. Daher
rezipieren sie Untersuchungen aus diesem Feld nicht, sondern äußern
sich, wenn überhaupt, verächtlich - meist allerdings,
ohne in den letzten 10 Jahren irgendwelche Forschungen dieser Art
gelesen zu haben.
Ich muss zugeben, dass die Lektüre solcher Arbeiten eine mühsame
Angelegenheit ist. Und die Ergebnisse sind auch nicht so, dass sich
unmittelbar in die eigene Arbeit übernehmen ließen. Die
Wirkung vieler Untersuchungen besteht vielmehr darin, dass sie Problemfelder
thematisieren, dass sie Fragen aufwerfend und die Aufmerksamkeit
auf mögliche Zusammenhänge lenken, die man bisher nicht
gesehen hat.
Sie lenken zudem den Blick weg von einzelnen und hin auf die Gruppe
(dies sollte eigentlich in einem Berufsverband wie dem unseren eine
Selbstverständlichkeit sein, ist es aber nicht.).
Und sie konfrontieren uns mit einer Entscheidung: was tun wir, wenn
Forschungsergebnisse in Widerspruch zu den Selbstverständlichkeiten
geraten, mit denen wir arbeiten?
Für diesen letzten Fall nenne ich nun einige Beispiele:
"Process Loss" im Brainstorming
Das Phänomen des Process Loss ist eine Grundproblematik der
Teamarbeit ist. Einfach gesagt, heißt es, die Gruppe bleibt
unter den Möglichkeiten, die sie eigentlich hätte.
Dazu gibt es mittlerweile inzwischen recht viele Untersuchungen.
Laborstudien gehen in der Regel von einem Gruppenpotential aus,
das die jeweiligen Untersucher durch die Kombination und Koordination
der individuellen Ressourcen bestimmen. In der Regel erreichen Gruppen
nicht dieses theoretische errechnete Potential.
Diese Ergebnisse haben sich bei der Untersuchung des Brainstorming
bestätigt.
Osborn, der die Idee 1957 populär machte, war davon überzeugt
- wie viele nach ihm - dass Gruppen die nach den Brainstorming-Regeln
arbeiten, Ansammlungen von Personen, die nicht interagieren, überlegen
sind in der Fülle und der Qualität der produzierten Einfälle.
Hierzu gibt es mittlerweile viele Untersuchungen, auch aus den letzten
Jahren, die alle zeigen: Brainstorming in einer face-to-face-Gruppe,
die nach den Brainstorming-Regeln arbeitet, liefert keineswegs die
besten Ergebnisse. Nominelle Gruppen, also Zusammenstellungen von
Menschen, die nicht interagieren, sind in der Ideenfindung den Brainstormern
überlegen. Am fruchtbarsten ist ein Arrangement, in dem alle
einzeln vor einem Computer sitzen und dort ihre Ideen eingeben,
wobei gleichzeitig die Ideen der anderen eingespeist werden. So
bleibt einerseits die anregende Wirkung von anderen Einfällen
erhalten, andererseits sind die Störungen, die durch die Gruppe
entstehen, weitgehend ausgeschaltet.
Drei Prozesse sind in den Augen der Forscher dafür verantwortlich:
- Bewertungsangst
- Prozesse der Konvergenz durch sozialen Vergleich, die ein niedriges
Leistungsniveau zur Folge haben.
- "Production blocking" -mehre sprechen zugleich, und
das Sprechen der anderen blockiert eigene Gedankengänge.
Zwiespältige Kohäsion
Lange galt unhinterfragt: hohe Gruppenkohäsion erhöht
die Teamleistung. Dies gilt so nicht mehr. Es begann damit, dass
der unterstellte Kausalzusammenhang infrage gestellt wurde. "Es
könnte doch auch sein, dass die gute Teamleistung die Kohäsion
erhöht." - Meta-Untersuchungen hatten unterschiedliche
und widersprüchliche Ergebnisse. Gesichert scheint im Augenblick,
dass Gruppenkohäsion dann besonders wichtig ist für die
Ergebnisse, wenn die gegenseitige Abhängigkeit bei der Arbeit
hoch ist. Gruppenkohäsion beugt Motivationsverlusten vor und
erschwert Drückebergerei.
Auf der anderen Seite: Hohe Kohäsion wird zum Hindernis, wenn
Teams ihre bisherigen Arbeitsroutinen aufgeben und sich ändern,
also lernen, müssen. Voraussetzung für solche Veränderungen
sind wiederholte Störungen oder Unterbrechungen des Arbeitsablaufs,
Ereignisse, die die Teammitglieder veranlassen, innezuhalten und
nachzudenken. Je vertrauter nun die Teammitglieder miteinander waren,
je stärker das Wir-Gefühl und je routinierter die gemeinsame
Erledigung ihrer Aufgaben, desto schwerer "störbar"
waren sie und desto resistenter gegen Veränderung. Selbst massive
Rückmeldungen über nachlassende Leistungen bewirkten keine
grundlegende Veränderung ihres Arbeitsprozesses.
Und schließlich: hohe Kohäsion verbunden mit Alter (langjährige
Zusammenarbeit) führt zur Verringerung von teaminterner Kommunikation
und zur Abnahme von Kreativität.
Bereichernde Vielfalt?
Verschiedene Veränderungen in Unternehmen und Einrichtungen
haben dieser Thematik Aktualität verliehen:
- das Wissen, das in den Köpfen von Personen eingelagert ist,
gewinnt immer größere Bedeutung. Im Zuge der Entwicklung
des Wissensmanagement haben Unternehmen Formen entwickelt, an dieses
Wissen "ranzukommen". Ein Beispiel: In großen Unternehmensberatungsfirmen
(global players)....
- kleine, kurzlebige Ad-hoc-Gruppen nehmen zu. Sie sind fast immer
sehr heterogen zusammengesetzt.
- In allen Einrichtungen wächst die Heterogenität von
Gruppen. Diese haben immer mehr Unterschiedlichkeit zu verkraften.
Viel Aufmerksamkeit erhält das Thema Diversity, also Unterschiedlichkeiten
in Gruppen, in Zusammenhang mit Informationsverarbeitung. Teams
werden immer heterogener. Und man muss prüfen, ob die Alltagstheorien
über Diversity eigentlich stimmen.
Es besteht die Vorstellung, die auch ich oft vertreten habe, dass
Heterogenität produktiv sei, Neues hervorbrächte. Unterschiedliche
Meinungen und unterschiedliche Hintergründe der Gruppenmitglieder
würden die Ressourcen aus denen die Gruppe schöpfen kann,
vergrößern und würden die Qualität von Entscheidungen
durch eine gründliche Diskussion verschiedener Standpunkte
erhöhen. Man hat also angenommen, dass die Effekte z.B. unterschiedlichen
fachlichen Hintergrunds z.B. positiv seien, die Folgen demografischer
Unterschiede - Geschlecht, Alter, ethnischer Hintergrund sind die
Meistuntersuchten - dagegen negativ.
Diese Vorstellung lässt sich nicht halten.
Solange man nur die Auswirkungen verschiedener Arten von Unterschiedlichkeit
auf die Gruppenleistung untersucht hat, waren die Ergebnisse aus
einer Fülle von Arbeiten unbefriedigend. Bestenfalls ließ
sich sagen: die Vorteile einer funktionell heterogenen Gruppen sind
nicht so groß wie man dachte und die Nachteile einer demografisch
heterogenen Gruppe sind nicht so groß, wie man dachte.
Forschung und Diskussion nahmen einen Aufschwung, als man begann,
sich mit der Wechselwirkung zwischen Arten von Unterschiedlichkeit
zu befassen.
Lau und Murnighan kreierten das Konzept der "Faultlines"
In der Geologie bezeichnet man damit die Linie, an der die Erdkruste
bricht, wie z.B. der Andreasgraben. In der Diversity-Forschung spricht
man von "Faultlines" wenn mehrere Arten von Unterschieden
sich so kombinieren, dass starke Subgruppen entstehen. Wenn also
in einem Vier-Personen-Team zwei Männer und zwei Frauen sind,
die Männer beide weiß, die Frauen beide schwarz sind,
die Männer außerdem beide in der Produktion, die Frauen
im Marketing arbeiten, dann entstehen zwei sehr starke Subgruppen.
Untersuchungen aus der Pharmazeutischen Industrie haben gezeigt,
wie sich die Lernfähigkeit von Teams durch ihre Zusammensetzung
beeinflussen lässt. Entscheidend ist es, die Bildung starker
Untergruppen zu verhindern bzw. nicht unabsichtlich dazu beizutragen.
Wenn die Subgruppen stark sind, leidet die Informationsverarbeitung
ganz besonders, weil abweichende Meinungen gar nicht mitgeteilt
werden. Wenn Teams aus schwachen Untergruppen bestanden, waren die
Lernerfolge am größten.
Das Bestehen schwacher Subgruppen gibt offenbar den einzelnen Teammitgliedern
eine gewisse Sicherheit. Es fällt ihnen dann leichter, ihre
Erfahrungen mit anderen zu teilen oder ihre Zweifel auszusprechen.
Im Mittelpunkt steht das Hier und Jetzt?
Wer T-Gruppen trainiert hat, weiß, dass eine Aufgabe der
Trainerin darin besteht, die Konzentration der TeilnehmerInnen auf
das Hier und Jetzt zu fördern.
Wer allerdings diese Haltung in die Beratung von Teams und Organisationen
trägt, vielleicht noch ergänzt um eine historische Perspektive,
befreit das Teams vom Organisationskontext, in den es eingebettet
ist und der in es hineinwirkt. Richard Hackman und seine Gruppe
in Harvard haben viel über Teams und Teamleitung geforscht.
Ihre Ergebnisse dürften für viele Teamberater von Interesse
sein. Sie sehen die Möglichkeiten und vor allem: die Grenzen
des Leitereinflusses auf sein/ihr Team bestimmt durch die Arbeitsbedingungen
des Teams. Das Ausmaß, in dem ein Team erfolgreich sein kann,
hängt ab von
- dem Niveau der gemeinsamen Anstrengung (effort)
- dem Ausmaß, in dem Arbeitsstrategien zu der Art der Aufgabe
passen
- und dem Wissen und Können, das die Teammitglieder in die
Aufgabenerledigung einbringen.
Die Leitung unterstützt die Teammitglieder darin, ihre Anstrengungen
zu erhöhen, hilft ihnen, zu prüfen, ob die Arbeitsstrategien
angemessen sind und ob die Möglichkeiten der einzelnen Mitglieder
ausgeschöpft werden.
Dies geht aber nur, wenn diese drei Faktoren nicht durch außerhalb
des Teams liegende Bedingungen bestimmt sind - und das ist fast
immer, wenn auch in wechselndem Ausmaß, der Fall. Um die Situation
zu verstehen und um produktive Leiterinterventionen herausarbeiten
zu können, muss der Berater sich dem Kontext überhaupt
erst einmal interessiert zuwenden.
Abschließend noch ein Beispiel dafür, wie die geschmähte
Forschung Unterschiede thematisiert, die wir möglicherweise
durch sie erst sehen.
Transaktives Wissen und mentale Modelle
Transaktives Wissen (transactive memory) besteht in einem Team
dann, wenn die Mitglieder eine genaue Vorstellung davon haben, wer
im Team was weiß.
Untersuchungen haben ergebnen, dass weder die Wissensmenge insgesamt
noch das Spezialwissen der einzelnen ausschlaggebend für die
Teamleistung waren, sondern die Teams waren dann besonders erfolgreich,
wenn sie die Wissensverteilung in ihrer Gruppe korrekt einschätzten.
Versuche, Teams in der Entwicklung transaktiven Wissens zu trainieren,
zeigten: entscheidend ist der Umfang, in dem die Teammitglieder
die Möglichkeit haben, sich über die Kompetenzen und das
Wissen der anderen zu informieren - wichtiger als starke Identifikation
mit der Gruppe, wichtiger als hohe Motivation und wichtiger als
bessere Möglichkeiten miteinander zu kommunizieren.
Wurde aber der Arbeitskontext des jeweiligen Teams und seine besondere
Aufgabe mit in Rechnung gestellt, änderte sich das Bild: Transaktives
Wissen, so scheint es, ist dann besonders wichtig für die Leistung,
wenn Teams in einer vorhersagbaren Umwelt arbeiten.
Wenn die Arbeitsbedingungen unsicher oder von unerwarteten Ereignissen
geprägt sind, dann ist es nicht so wichtig, wer etwas weiß,
sondern gemeinsame "mentale Modelle" wurden wichtiger,
also gerade nicht das Wissen um die Spezialitäten, sondern
das, was das Team gemeinsam wusste. Warum das so ist, wissen wir
noch nicht.
(für die Nr. 1/08 der Zeitschrift "Organisationsentwicklung"
ist übrigens ein Aufsatz zum Thema "Der Nutzen Transaktiven
Wissens für die Zusammenarbeit in Teams" angekündigt.
Offenbar sehen Berater einen praktischen Nutzen in diesem Konzept).
Vortrag gehalten auf der Tagung zum 40jährigen Bestehen des
DAGG am 1.12.2007 in Berlin
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