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Sehr geehrte Gäste, liebe Kolleginnen und Kollegen,
ich freue mich sehr, Sie so zahlreich zum 40jährigen Bestehen
des DAGG begrüßen zu dürfen.
Der heutige Festtag teilt sich in zwei Hälften:
Bis 16 Uhr werden wir uns dem fachlichen Diskurs zuwenden.
Dabei hat uns bei der Planung der Gedanke geleitet, dass es uns
als Gruppenfachleuten gut ansteht, zu diesem Jubiläum einen
kritischen Blick auf den Gegenstand unserer Arbeit - die Gruppe
- zu richten.
In der Gründungsphase des DAGG und den 70ger und 80ger Jahren
kann man von einer regelrechten Gruppeneuphorie sprechen.
Kurt Lewin versprach sich von Sensitivity-Trainings eine Möglichkeit
der basalen Demokratisierung sozusagen als Impfung gegen autoritäre,
faschistoide Strukturen.
Die Encounter-Gruppenbewegung der 70ger Jahre bestärkte die
Sehnsucht danach, die Gruppe möge eine friedliche Gegenwelt
ermöglichen.
In dieser Zeit und auch in den 80ger Jahren noch galt Gruppe auch
als Reparaturwerkstatt für gesellschaftliches Versagen, als
Gegenmittel gegen Einsamkeit, Depression und Bindungslosigkeit.
Raoul Schindler spricht von dem "immer mächtiger anschwellenden
Versuch, der großstädtischen Vereinsamung und Vereinzelung
psychohygienisch entgegenzuwirken". Horst Eberhard Richter
veröffentlichte sein Buch "Lernziel Solidarität",
in dem er sich mit den Hemmfaktoren solidarischen Handelns auseinandersetzt.
Die Gruppe erfuhr in dieser Zeit einen Aufwind, der einmal mit gesellschaftlichen
Visionen einer gerechteren, demokratischen Welt zu tun hatte, in
Deutschland aber auch m.E. einen Gegenraum anbot zu den in den Familien
sich darbietenden Schweigeszenarien, in denen eine Aussprache über
das Unaussprechliche, nämlich die Kriegserfahrungen der Väter,
nicht möglich war.
Nach all dieser Gruppeneuphorie kam es dann zunächst zu einer
Phase der praktischen Verwertbarkeit des Gruppenformats.
In der Therapie etablierte sich die Gruppenanwendung als kassenärztlich
abrechenbare Leistung; in der Gruppendynamik kam es zu einer anwendungsbezogenen
Nutzbarmachung der Gruppe in der Lehrerfortbildung, in Profit- und
Non-Profit-Unternehmen und Institutionen. Cornelia Edding bezeichnete
dies als die Domestizierung der Gruppendynamik, in der der emanzipatorische
Anspruch verloren ging zugunsten einer breiteren Anwendung und einer
besseren ökonomischen Verwertbarkeit gruppaler Kenntnisse.
Und dann bis heute anhaltend: der Niedergang von Gruppenarbeit
in allen Spielarten von Therapie, Selbsterfahrung, politischen und
Selbsthilfegruppen.
Heute findet Gruppe statt als virtuelle Selbsthilfegruppe, als Gruppe,
die sich in taktischen Internetspielen zu paramilitärischen
Einheiten zusammenfindet; als Gruppe, die sich in einen Container
einschließen lässt und demnächst ev. als Therapiegruppe
im Fernsehen, die talkshowmäßig am Nachmittag den Zuschauern
und Zuschauerinnen zeigt, wie Gruppentherapie funktioniert.
Gruppe stellt sich in diesem Überblick einerseits dar als
Spiegelbild der jeweiligen gesellschaftlich-ökonomischer Realitäten,
andererseits als Ort der Heilung von individuell interpretierten
Nöten und persönlichen Sehnsüchten dar.
In einer kritischen Bestandsaufnahme möchten wir heute drei
Facetten in der Entwicklung des Gegenstands Gruppe betrachten:
Zunächst der Blick auf die soziologische und sozialpsychologische
Begrifflichkeit. Nachdem Gruppenprozesse in der experimentellen,
laboratoriumsorientierten Gruppenforschung der 50ger Jahre einen
Schwerpunkt hatten und die Gruppe als Vermittlung zwischen Individuum
und Gesellschaft als bedeutsam angesehen wurde, erfolgte durch die
Systemtheorie Luhmanns ein vollständiger Verzicht auf die Kategorie
Gruppe, die durch eine Theorie der Interaktionssysteme und die Beschreibung
der Kommunikation der Akteure ersetzt wurde.
Gruppe ist als Thema in der Sozialpsychologischen und soziologischen
Auseinandersetzung nicht aktuell, auf der anderen Seite ist das
erforschte Wissen von Gruppenphänomenen in Alltagswissen übergegangen
und vereinfachte Konzepte z.B. von der Entwicklung von Teams und
Gruppen - vorzugsweise in Phasen dargestellt - sind Standard in
jeder pädagogischen Ausbildung.
Müssen wir uns damit zufrieden geben? Ode gibt es doch die
Notwendigkeit, Gruppe als Kategorie sozialwissenschaftlicher Diskurse
wiederzubeleben?
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Wir haben Stefan Kühl, Soziologe an der Universität
Bielfeld eingeladen, zu dieser Frage Stellung zu beziehen.
Mehr auf die Anwendung von Gruppenwissen beziehen sich die
beiden nächsten Vorträge, die den Wandel des Gruppenansatzes
in der Praxis beschreiben.
Ulrich Schultz-Venrath, Analytiker, Chefarzt der Klinik für
Psychiatrie, Psychotherapie u. Psychosomatik am Evangelischen
Krankenhaus Bergisch-Gladbach, wird über die Entwicklung
des analytischen Gruppenansatzes von der Gruppentherapie zur
Supervision sprechen.
Cornelia Edding, Trainerin für Gruppendynamik (DAGG)
und Beraterin für Organisationsentwicklung, untersucht
die Brauchbarkeit des Gruppenkonzepts in der veränderten
Arbeitswelt.
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Heute Nachmittag wird Volker Tschuschke von der Universität
Köln Ihnen von den Ergebnissen des PAGE-Projekts mit der sieben
Jahre lang die Effektivität von Therapiegruppen untersucht
worden ist, berichten
Danach laden wir Sie dann ein in einer fishbowl-diskussion die
Thesen der Redner und Rednerin zu diskutieren unter dem Thema "Was
bedeuten die Ergebnisse des Vormittags für die Zukunft des
DAGG in Bezug auf Theorieentwicklung, Methodik und Praxeologie"?
Ab 16 Uhr ca. werden wir im zweiten Teil des Tages den eigentlichen
Festakt begehen.
Jetzt wünsche ich Ihnen aber zunächst inspirierende und
belebende Vorträge!
(Hella Gephart)
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