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40 Jahre DAGG - Die Einführung zur Veranstaltung 1.12.2007, Berlin
(Hella Gephart)

Sehr geehrte Gäste, liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich freue mich sehr, Sie so zahlreich zum 40jährigen Bestehen des DAGG begrüßen zu dürfen.
Der heutige Festtag teilt sich in zwei Hälften:
Bis 16 Uhr werden wir uns dem fachlichen Diskurs zuwenden.
Dabei hat uns bei der Planung der Gedanke geleitet, dass es uns als Gruppenfachleuten gut ansteht, zu diesem Jubiläum einen kritischen Blick auf den Gegenstand unserer Arbeit - die Gruppe - zu richten.

In der Gründungsphase des DAGG und den 70ger und 80ger Jahren kann man von einer regelrechten Gruppeneuphorie sprechen.
Kurt Lewin versprach sich von Sensitivity-Trainings eine Möglichkeit der basalen Demokratisierung sozusagen als Impfung gegen autoritäre, faschistoide Strukturen.
Die Encounter-Gruppenbewegung der 70ger Jahre bestärkte die Sehnsucht danach, die Gruppe möge eine friedliche Gegenwelt ermöglichen.
In dieser Zeit und auch in den 80ger Jahren noch galt Gruppe auch als Reparaturwerkstatt für gesellschaftliches Versagen, als Gegenmittel gegen Einsamkeit, Depression und Bindungslosigkeit. Raoul Schindler spricht von dem "immer mächtiger anschwellenden Versuch, der großstädtischen Vereinsamung und Vereinzelung psychohygienisch entgegenzuwirken". Horst Eberhard Richter veröffentlichte sein Buch "Lernziel Solidarität", in dem er sich mit den Hemmfaktoren solidarischen Handelns auseinandersetzt.
Die Gruppe erfuhr in dieser Zeit einen Aufwind, der einmal mit gesellschaftlichen Visionen einer gerechteren, demokratischen Welt zu tun hatte, in Deutschland aber auch m.E. einen Gegenraum anbot zu den in den Familien sich darbietenden Schweigeszenarien, in denen eine Aussprache über das Unaussprechliche, nämlich die Kriegserfahrungen der Väter, nicht möglich war.

Nach all dieser Gruppeneuphorie kam es dann zunächst zu einer Phase der praktischen Verwertbarkeit des Gruppenformats.
In der Therapie etablierte sich die Gruppenanwendung als kassenärztlich abrechenbare Leistung; in der Gruppendynamik kam es zu einer anwendungsbezogenen Nutzbarmachung der Gruppe in der Lehrerfortbildung, in Profit- und Non-Profit-Unternehmen und Institutionen. Cornelia Edding bezeichnete dies als die Domestizierung der Gruppendynamik, in der der emanzipatorische Anspruch verloren ging zugunsten einer breiteren Anwendung und einer besseren ökonomischen Verwertbarkeit gruppaler Kenntnisse.

Und dann bis heute anhaltend: der Niedergang von Gruppenarbeit in allen Spielarten von Therapie, Selbsterfahrung, politischen und Selbsthilfegruppen.
Heute findet Gruppe statt als virtuelle Selbsthilfegruppe, als Gruppe, die sich in taktischen Internetspielen zu paramilitärischen Einheiten zusammenfindet; als Gruppe, die sich in einen Container einschließen lässt und demnächst ev. als Therapiegruppe im Fernsehen, die talkshowmäßig am Nachmittag den Zuschauern und Zuschauerinnen zeigt, wie Gruppentherapie funktioniert.

Gruppe stellt sich in diesem Überblick einerseits dar als Spiegelbild der jeweiligen gesellschaftlich-ökonomischer Realitäten, andererseits als Ort der Heilung von individuell interpretierten Nöten und persönlichen Sehnsüchten dar.

In einer kritischen Bestandsaufnahme möchten wir heute drei Facetten in der Entwicklung des Gegenstands Gruppe betrachten:

Zunächst der Blick auf die soziologische und sozialpsychologische Begrifflichkeit. Nachdem Gruppenprozesse in der experimentellen, laboratoriumsorientierten Gruppenforschung der 50ger Jahre einen Schwerpunkt hatten und die Gruppe als Vermittlung zwischen Individuum und Gesellschaft als bedeutsam angesehen wurde, erfolgte durch die Systemtheorie Luhmanns ein vollständiger Verzicht auf die Kategorie Gruppe, die durch eine Theorie der Interaktionssysteme und die Beschreibung der Kommunikation der Akteure ersetzt wurde.

Gruppe ist als Thema in der Sozialpsychologischen und soziologischen Auseinandersetzung nicht aktuell, auf der anderen Seite ist das erforschte Wissen von Gruppenphänomenen in Alltagswissen übergegangen und vereinfachte Konzepte z.B. von der Entwicklung von Teams und Gruppen - vorzugsweise in Phasen dargestellt - sind Standard in jeder pädagogischen Ausbildung.

Müssen wir uns damit zufrieden geben? Ode gibt es doch die Notwendigkeit, Gruppe als Kategorie sozialwissenschaftlicher Diskurse wiederzubeleben?

Wir haben Stefan Kühl, Soziologe an der Universität Bielfeld eingeladen, zu dieser Frage Stellung zu beziehen.

Mehr auf die Anwendung von Gruppenwissen beziehen sich die beiden nächsten Vorträge, die den Wandel des Gruppenansatzes in der Praxis beschreiben.
Ulrich Schultz-Venrath, Analytiker, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie u. Psychosomatik am Evangelischen Krankenhaus Bergisch-Gladbach, wird über die Entwicklung des analytischen Gruppenansatzes von der Gruppentherapie zur Supervision sprechen.
Cornelia Edding, Trainerin für Gruppendynamik (DAGG) und Beraterin für Organisationsentwicklung, untersucht die Brauchbarkeit des Gruppenkonzepts in der veränderten Arbeitswelt.

Heute Nachmittag wird Volker Tschuschke von der Universität Köln Ihnen von den Ergebnissen des PAGE-Projekts mit der sieben Jahre lang die Effektivität von Therapiegruppen untersucht worden ist, berichten

Danach laden wir Sie dann ein in einer fishbowl-diskussion die Thesen der Redner und Rednerin zu diskutieren unter dem Thema "Was bedeuten die Ergebnisse des Vormittags für die Zukunft des DAGG in Bezug auf Theorieentwicklung, Methodik und Praxeologie"?

Ab 16 Uhr ca. werden wir im zweiten Teil des Tages den eigentlichen Festakt begehen.

Jetzt wünsche ich Ihnen aber zunächst inspirierende und belebende Vorträge!

(Hella Gephart)