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Berlin, 1. Dezember 2007 40 Jahre DAGG
Auf dem Weg zum Harnack-Haus in Berlin-Dahlem, wo unsere Jubiläumstagung
stattfand, stieß ich auf einen daneben stehenden strengen
Häuserblock, über dessen Tor der Bronzekopf der Pallas
Athene in Trauer meinen Blick anzog. Was aber klassische Entrücktheit
versprach, erwies sich als Ort des Schreckens. Wo ich die aus dem
Kopfe ihres Zeus- Vaters entsprungene Göttin der Wissenschaft
über dem Eingang grüßen sah, befand sich der Ursprung
der Pseudowissenschaftlichkeit: in diesem Häuserblock mit seinen
unbarmherzig rechteckig und nach festem Schema eingesetzten Bürofenstern
war bis 1945 das Institut für Eugenik und Rassenhygiene
untergebracht gewesen. Eine Gedächtnistafel neben dem Eingang,
erst auf dem zweiten Blick bemerkbar, enthüllte es: von diesem
Haus gingen, generalstabsmäßig geplant und wissenschaftlich
verbrämt, die Tötungsaktionen gegen rassische Minderwertige
aus. Hier war Mengele wissenschaftlicher Mitarbeiter
gewesen und hatte seine Menschenversuche in Auschwitz vorbereitet.
Die Gedächtnistafel mahnt: Auch der Wissenschaftler muss
Verantwortung für sein Tun übernehmen. (Der letzte
Direktor dieser Wissenschaftsmordmaschinerie,
ein Freiherr von Verschuer, war jedoch noch bis 1965 Genetik-Ordinarius
in Münster. Wes Geistes Kind!)
Im Harnack-Haus nebenan, jetzt Konferenzzentrum der Max-Planck-Gesellschaft,
wo man uns vom DAGG so weichen Wissenschaften
wie Gruppendynamik, Organisationsberatung, Gruppenpsychoanalyse
und psychotherapie verpflichtet, die so wenig nomothetisch
und so bar der harten Fakten daher kommen vermutlich
eher wenig schätzt, fand ich am Samstagnachmittag eine beschwingte
Großgruppe vor: Die Festgesellschaft zum 40 jährigen
Bestehen des DAGG. Unter den alten Mitgliedern, darunter Gründungsmitglieder
und Leute der ersten Stunde, herrschten Freude und Zufriedenheit
über das fortdauernde Gedeihen unseres Arbeitskreises. Spürbar
war aber auch eine gewisse Beklommenheit, vor allem unter den jüngeren
Anwesenden. Für mich, dem erst am Nachmittag Dazukommenden
stellten sich wohlbekannte Gefühle ein: Es war wieder einmal
eine Krisensituation entstanden. Gegensätze in der heterogenen
Struktur des DAGG, gegenläufige Interessen der Sektionen schienen
in der dem Jubiläumstag voraus gehenden Vorstandssitzung frisch
aufgebrochen zu sein, die Zukunft schien gefährdet.
Auf mich wirkte das geradezu anheimelnd, kannte ich doch aus meiner
Vorsitzendenzeit, 20 Jahre zurück liegend und mit einem Schlag
hier aktuell und präsent, diese Ahnung des Zerbrechens, der
Auflösung. War dieses heikle Gegeneinander der verschiedenen
Sektionen und ihrer so unterschiedlich gearteten Mitglieder (wie
kann, z.B., das rational-effiziente Planen eines Organisationsberaters
nur zum reflektierenden Aufsuchen der Trieb- und Tiefenschichten
im Kopf eines Psychoanalytikers passen?) nicht Bestandteil und Essenz
des DAGG von seinem Anbeginn?
Wenn wir in Organisationen die Konflikte und Widersprüche
ihrer Gründungskonstellation als ständig weiter getragene
Idee in deren Durcharbeitung und Bewältigungsversuchen
die Aufgaben und Notwendigkeit der Organisation geradezu beschlossen
liegen erkennen, so ist dieser DAGG durch seine auseinander
strebende Einheit gekennzeichnet. Nie war es in seiner Geschichte
anders; Krise als Normalzustand. Und was wäre denn Normalität?
Eine fiktive Größe, kein realer Zustand. Real sind für
den DAGG die Reibungen der verschiedenartigen Positionen und Persönlichkeiten,
in denen und durch die erst Zusammengehörigkeit erkennbar wird.
Natürlich geht es hierbei nicht um eine Vermischung unterschiedlicher
Methoden. Im Gegenteil, die Sektionen des DAGG werden ihre je eigene
Methodik, Theorie und praktische Anwendung schärfen und begründen.
Das DAGG-spezifische Novum ist, dass diese Theorie- und Praxisarbeit
in ständiger Diskussion und Konfrontation mit anders gearteten
Gruppenkonzepten sich entwickeln kann. So ist z.B. die soziale Dimension
des psychoanalytischen Persönlichkeitskonzepts durch die Auseinandersetzung
mit der Gruppen- und Organisationsdynamik erheblich gefördert
worden; das Verständnis des Gruppendynamikers und Organisationsberaters
für die unbewussten und verdrängten Komponenten von Gruppen
und Organisationen verdankt sich der Begegnung mit psychoanalytischen
Sicht- und Interpretationsweisen. Eine Organisation, in der eine
solche Pluriperspektivität entwickelt und gepflegt werden kann,
die Eindimensionalität und Dogmatismus vermeidet, stellt der
DAGG dar. Insofern können wir diese Organisation getrost als
einzigartig oder doch als den eher seltenen Fall eines Wissenschafts-
und Praxisverbandes ansehen, der den permanenten Diskussionsprozess
zwischen von ihrem Ausgangspunkt her höchst unterschiedlichen
Paradigmata zu seinem zentralen Arbeitsfeld gemacht hat.
Dieser Festnachmittag- und abend vollzog sich, dem Gruppengeist
gemäß, in ständig wechselnden Gruppierungen und
Gesprächskreisen: Gruppendynamiker sprachen mit Gruppenanalytikern,
Alte mit Jungen, Organisationsberater mit
schwachorganisierten Individualisten, Mitglieder aus dem neuen Osten
mit Altgedienten aus dem alten Westen, Frauen mit Männern,
und das im geschichtsträchtigen Saal eines Wissenschaftshauses
in Berlin, einer um die vielfach gebrochene Achse der Geschichte
unruhig kreisenden Stadt in Deutschland.
Als Gerhard Rudnitzki, einem meiner Nachfolger im DAGG-Vorsitz,
die Ehrenmitgliedschaft verliehen wurde, klang in den bewegten Worten
des Laudators, Werner Greve, für mich vor allem die Frage an:
Wie wenig wussten die Älteren unter uns von unseren jeweiligen
Lebensschicksalen, von Flucht, Vertreibung, Traumatisierung im Dritten
Reich und von unseren Verdrängungen, unserer Wendung
in Tatkraft und Leiter- (nicht Führer-!)
Tugenden? So sehr solche Lebensgeschichten die Voraussetzung dafür
gewesen sein mögen, sich der Psyche zuzuwenden, psychische
Methoden im dunklen Drange nach Selbsthilfe zum beruflichen Arbeitsfeld
zu machen, so wenig waren wir darüber ins Gespräch gekommen,
waren zurückgescheut vor diesem ins Ghetto des Privaten verbannten
Lebensläufen der Anderen und unserer selbst. Jetzt, bei der
Vergegenwärtigung der 40 Jahre seines Bestehens, konnte sich
eine Ahnung dieses Versäumten, des noch nicht Möglichen
zu Worte bringen.

Als Teilnehmer an dieser zutiefst nachdenklichen Festversammlung
heiter auch, aber ohne Jubelstimmung war mir wiederum
die Bedeutung dieses DAGG nicht nur für das berufliche, sondern
auch für das persönliche Leben deutlich. Ich plädiere
also unbedingt für den Erhalt und Weiterausbau unserer Organisation.
Denn der DAGG ist
ein Ort der Forschung über Gruppenkonzepte und methoden
unterschiedlichster Provenienz, und er ist in dieser Form einzigartig.
The State of the Art wird bei seinen Tagungen und Workshops
aktuell dargestellt, diskutiert und publiziert,
ein Ort der Praxis insbesondere auch in der Aufstellung von
Weiter- und Fortbildungsstandards und der Anerkennung der absolvierten
Ausbildung durch einen etablierten Verband,
der Ort einer psycho-sozialen Wissenschaft, die nicht dogmatisch
festgelegt ist, sondern sich in einem permanenten Entwicklungsprozess
befindet. Diese Wissenschaft ist nicht nomothetisch,
sondern interpretierend und kommentierend, nicht nur im Rahmen einer
je speziellen Gruppenmethodik und theorie, sondern auch im
Blick auf die gesellschaftlichen Bedingungen, in welche Wissenschaft
und Praxis eingebettet sind;
ein Ort der persönlichen Entwicklung: die Teilnahme
an einem Wissenschafts- und Praxisverständnis, für das
auch Widersprüchlichkeit und Konflikthaftigkeit charakteristisch
sind. Die Mitgliedschaft im DAGG und in einer seiner Sektionen bedeutet
immer auch eine begrenzte, jedoch wesentliche Umstellung in
der Persönlichkeit, wie das Michael Balint (1964), im
Hinblick auf die Ziele seiner Balintgruppenarbeit, formulierte.
Am Ende der Tagung stand ich wieder vor jenem Portal unter dem
Kopf der trauernden Göttin der Wissenschaft, Athene. Jetzt
aber hatte ich den Eindruck, die Trauer der Athene bedeute einen
Aufbruch, einen immer neuen Aufbruch zu einer humanen Wissenschaft
und Praxisentwicklung. Und Athenes Trauerarbeit bedeute auch eine
Trennung von jener tödlichen (und immer noch lauernden?) Pseudowissenschaft
mit ihrer dichotomischen Aufspaltung der Menschen und ihres Erbguts
in dominierende Herren und zu vernichtende Untermenschen.
Der DAGG, so dachte ich und hier mitklingender Idealismus
sei gestattet, ja sei als notwendig
erachtet -, kennt kein gewaltsames Dominieren zu einer allein seligmachenden
Dogmatik; er wertet das Andere, das Neue, das Befremdliche nicht
ab. Um den Preis ständig lebendiger und damit unruhiger Diskussion
Auseinandersetzung reklamiert er, auch nach 40 Jahren,
einen zukunftsweisenden Wissenschaftsbegriff für sich. Man
mag ihn demokratisch, auf jeden Fall aber progressiv nennen. Er
greift hinaus über eine wissenschaftliche und praxeologische
Dogmatik, die ihre destruktive Identität in der Bekämpfung
jedes Nicht-auf-der-Linie-Seins fände.
Dieter Ohlmeier, Kassel
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